HAMMERSCHMIDT 350

SAISONERÖFFNUNG

07.09.2025 um 17:00 Uhr


Juliane Schubert | Sopran
Sarah Fuhs | Mezzosopran
Martin Fehr | Alt
Stephan Gähler | Tenor
Vincent Berger | Bass

Amanda Markwick | Renaissance-Traversflöte
Prisca Stalmarski | Barockvioline
Klaus Eichhorn | Orgel, Cembalo
Bernhard Reichel | Theorbe

Der Orpheus von Zittau und der Klang Sachsens

Am 8. November 1620 erlitt der böhmische Aufstand bei der Schlacht am Weißen Berg bei Prag eine entscheidende Niederlage. Bereits am nächsten Tag marschierte die katholische Liga in die Stadt ein – der Beginn der Rekatholisierung Böhmens. Nur 80 Kilometer entfernt, im nordböhmischen Brüx (heute Most, Tschechien), ahnte der damals 9-jährige Andreas Hammerschmidt (1611–1675) wohl kaum, wie stark dieses Ereignis sein eigenes Leben prägen sollte.

Als Protestant musste er mit seiner Familie im Alter von 15 Jahren vor der religiösen Verfolgung fliehen. Ihr Weg führte ins nahegelegene Freiberg in Sachsen – rund 60 Kilometer entfernt, aber bereits außerhalb des habsburgischen Machtbereichs. In relativer Ruhe, während der Dreißigjährige Krieg noch weitere 22 Jahre tobte, erhielt der junge Hammerschmidt seine musikalische Ausbildung – wahrscheinlich beim Organisten und Kantor Stephan Otto (1603–1656).

Nach frühen Stationen in Freiberg und einem kurzen Aufenthalt in Weesenstein trat Hammerschmidt 1639 eine Stelle als Organist in Zittau an – eine Stadt, die erst vier Jahre zuvor im Prager Frieden an das protestantische Sachsen übergegangen war. Dort wirkte er fast vier Jahrzehnte lang – als Musiker, Komponist und prägende Figur des mitteldeutschen Frühbarocks.

Trotz der schweren Kriegsjahre – Bevölkerungsverlust, wirtschaftlicher Not, Unsicherheit – konnte Hammerschmidt seine musikalische Sprache entwickeln. Er knüpfte stilistisch an Heinrich Schütz (1585–1672) an, verband italienische Ausdruckskraft mit lutherischer Texttreue und arbeitete gezielt mit Textausdeutung (Madrigalismus). Anders als Schütz oder sein Dresdner Zeitgenosse Christoph Bernhard (1628–1692) konnte Hammerschmidt selbst wohl nie nach Italien reisen – die politischen und wirtschaftlichen Umstände ließen es nicht zu. Und doch übernahm er viele Elemente des neuen concertato-Stils: Echoeffekte, Dialoge zwischen Vokalgruppen, klare Rhetorik – alles Markenzeichen des aufkommenden Barock.

Während Schütz in der opulenten Hofkultur Dresdens mit großen Ensembles im venezianischen Doppelchorstil arbeitete, setzte Hammerschmidt eher auf kleinere, praktischere Besetzungen – angepasst an die begrenzten Mittel in Kriegszeiten. Doch auch in reduzierter Form zeigt sich bei ihm eine beeindruckende musikalische Tiefe und Ausdruckskraft. Bereits zu Lebzeiten war er ein geachteter Komponist – auf seinem Grabstein findet sich die Inschrift:

„Andreas Hammerschmidt, Orpheus Zittaviensis, musicus clarissimus, pie in Domino obdormivit anno 1675.“
„Andreas Hammerschmidt, der Orpheus von Zittau, hochberühmter Musiker, entschlief fromm im Herrn im Jahre 1675.“

Im Jahr 2025 jährt sich sein Todestag zum 350. Mal – ein Anlass, den „Orpheus von Zittau“ nicht nur als historischen Namen, sondern als lebendige musikalische Stimme seiner Zeit neu zu entdecken.

Unser Konzert zum Auftakt der 12. Saison von TITANS RISING am 7. September in Berlin widmet sich diesem „Orpheus von Zittau“ – im musikalischen Dialog mit zwei bedeutenden sächsischen Zentren: dem italienisch geprägten Dresdner Hof und dem fromm-lutherischen Leipzig.

Aus Leipzig erklingen Motetten mit ausdrucksstarken Madrigalismen aus der Fontana d’Israel von Johann Hermann Schein (1586–1630) sowie kurze Concerti aus der Musikalischen Seelenlust von Tobias Michael (1592–1657), die beide als Thomaskantoren tätig waren.

Im Mittelpunkt steht außerdem Heinrich Schütz, der „Vater der lutherischen Musik“. Um stilistisch im Rahmen zu bleiben, präsentieren wir Werke aus seinen Kleinen geistlichen Konzerten – für mehrere Stimmen und Generalbass, mit maximal ein bis zwei obligaten Instrumenten. Sein Schüler Christoph Bernhard (1628–1692) vertritt die nächste Generation der Dresdner Schule.

Ergänzt wird das Programm durch Werke von Johann Vierdanck (ca. 1605–1646) und Johann Theile (1646–1724), die beide im Umfeld von Schütz ausgebildet wurden und später über Sachsen hinaus wirkten.

️ Nicht verpassen!

Dieses Konzert beleuchtet, wie Komponisten unter den Bedingungen von Krieg, religiösem Umbruch und kulturellem Wandel Musik von tiefer Emotionalität und geistlicher Kraft schufen.
Am 7. September in Berlin – erleben Sie den Saisonstart von TITANS RISING mit einer Reise ins sächsische Musikleben des 17. Jahrhunderts.

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